Das jüngste Erdbeben in Marokko und die Überschwemmungen in Libyen haben Katastrophen in die Schlagzeilen gebracht. Wo der Bedarf an Hilfe so groß ist, möchten humanitäre Helfer den Menschen so schnell wie möglich helfen. Die Reaktion auf eine Katastrophe ist jedoch nicht so einfach, wie nur mit Hilfsgütern vor Ort zu erscheinen – unabhängig davon, wie prominent eine Katastrophe in den Nachrichten ist!
Bei ShelterBox entscheiden wir anhand unserer Einsatzkriterien, ob wir auf eine bestimmte Katastrophe oder einen Konflikt reagieren können. Lesen Sie weiter, um zu erfahren, was wir berücksichtigen müssen, bevor wir entscheiden, ob wir tätig werden können.
1. Wie viele Menschen brauchen Unterstützung?

Wenn wir in Betracht ziehen, auf eine Katastrophe zu reagieren, ist der erste Faktor, den wir beachten, wie viele Menschen betroffen sind. Generell werden wir aktiv, wenn über 20.000 Personen Unterstützung brauchen.
Wenn es weniger Betroffene sind, können lokale Behörden und Hilfsorganisationen den Bedarf in der Regel decken. Leider haben wir nicht die Kapazitäten, bei jeder Katastrophe und Krise zu helfen. Dementsprechend müssen wir uns auf die Orte konzentrieren, wo wir am meisten gebraucht werden.
2. Dürfen wir dort aktiv sein?

Obwohl man annehmen könnte, dass internationale Hilfsorganisationen nach einer Katastrophe immer anreisen und helfen dürfen, ist das nicht der Fall. Lokale Behörden müssen den Hilfskräften erlauben, in Aktion zu treten. Außerdem müssen die Hilfskräfte die passenden Dokumente zur Einreise haben; Das kann ein langwieriger Prozess sein.
Nicht alle Regierungen geben internationalen Hilfskräften sofort nach einer Katastrophe eine Genehmigung, mitzuhelfen. Teilweise wird nie eine erteilt. Die Gründe hiervon sind komplex. Manchmal kann die Begründung sein, dass die Behörden das Ausmaß der Katastrophe und die benötigte Hilfe selbst einschätzen wollen. Es kann aber auch politische Gründe geben. Die Lage kann in jedem Land anders aussehen.
Entsprechend müssen wir manchmal auf Genehmigungen warten, bevor wir einem Einsatz zusagen können.
3. Können wir dort arbeiten?

Neben der Überlegung, ob wir in einem Gebiet arbeiten dürfen, müssen wir auch beachten, ob wir dort arbeiten können. Es gibt verschiedene Faktoren, die hierauf einen Einfluss haben.
Ein Aspekt, den wir hierbei beachten, ist ob wir dort bereits einen Einsatz hatten. Wenn sich eine Katastrophe an einem Ort ereignet, in dem wir vor Kurzem aktiv waren, haben wir mit höherer Wahrscheinlichkeit Kontakte und Partnerschaften vor Ort. Außerdem ist und die Umgebung und Lage bekannter, wodurch wir eine klarere Idee der Bedürfnisse vor Ort haben. Beispielsweise waren wir schon oft in den Philippinen aktiv. Deshalb wurde dort die ShelterBox Operation Philippines aufgebaut, um so schnell wie möglich helfen zu können, wenn wir gebraucht werden.
Wenn wir zuvor noch nicht an einem Ort tätig waren oder unsere Arbeit dort schon länger zurückliegt, wenden wir uns an lokale Kontakte und Partner. Wir bitten sie um Rat und Unterstützung, um zu klären, ob wir an einem bestimmten Ort tätig werden können und was wir für eine Hilfsaktion beachten müssen. Da wir zuvor noch nicht in Marokko tätig waren, hat unser Team mit potenziellen Partnern und Kontakten von Rotary zusammengearbeitet, um unsere Einsatzmöglichkeiten zu prüfen und zu ermitteln, mit wem wir zusammenarbeiten müssen. In Libyen waren wir seit 2011 nicht mehr tätig und haben uns daher für unsere Hilfsmaßnahmen dort mit ACTED zusammengetan. ACTED war bereits vor den Überschwemmungen in Libyen, darunter auch in Derna, aktiv. Die Organisation verfügt über die erforderliche Erfahrung, um in einem so komplexen Umfeld zu arbeiten. Wir haben bereits zuvor mit ACTED zusammengearbeitet, unter anderem bei der Unterstützung ukrainischer Geflüchteter in Moldawien.
4. Werden Unterkünfte gebraucht?

Bei ShelterBox sind wir auf Notunterkünfte nach Katastrophen oder Konflikten spezialisiert. Katastrophen und Konflikte haben jedoch unterschiedliche Auswirkungen auf die Menschen vor Ort. Oftmals werden Notunterkünfte benötigt, aber nicht immer. Daher ist es für uns wichtig zu beurteilen, ob unsere Notunterkünfte und Haushaltsgegenstände benötigt werden. Wenn andere Bedürfnisse dringender sind, ist es möglicherweise besser, wenn andere, besser geeignete Organisationen reagieren.
Selbst wenn Notunterkünfte benötigt werden, darf nicht vergessen werden, dass nicht jede Art von Unterkunft für jede Person, Kultur, Situation oder Landschaft geeignet ist. Wir müssen auch sicherstellen, dass unsere Unterkünfte für die Menschen, die wir unterstützen, angemessen und zweckmäßig sind. Im Laufe der Jahre haben wir die Arten von Unterkünften, die wir anbieten, angepasst, um sicherzustellen, dass wir die bestmögliche Unterstützung leisten. In Burkina Faso haben wir beispielsweise begonnen, Zelte aus der Sahelzone zu liefern, und im Jemen „Eisennetz”-Unterkünfte. Beides sind Arten von Unterkünften, an die die Menschen vor Ort gewöhnt sind und die für die örtlichen Gegebenheiten geeignet sind. Je nach Umgebung bevorzugen manche Menschen möglicherweise Shelter Kits, um ihre Häuser zu reparieren. Was immer die Lage ist, müssen wir sicher sein, dass wir den lokalen Bedürfnissen gerecht werden können, bevor wir reagieren.
5. Haben wir die nötigen Ressourcen?

Die Reaktion auf eine Katastrophe erfordert einen hohen Ressourcenaufwand. Wir müssen sicherstellen, dass wir über genügend Zelte, Shelter Kits, Solarlampen und andere möglicherweise benötigte Gegenstände verfügen. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass diese zum richtigen Zeitpunkt für die Menschen verfügbar sind. Wenn es Monate dauert, bis wir die benötigten Vorräte beschaffen können, könnte es schon zu spät sein.
Wir müssen auch über die Verfügbarkeit unserer Teams, Freiwilligen und Partner nachdenken, um sicherzustellen, dass sie bei Bedarf vor Ort sein können. Es sei daran erinnert, dass die Bereitstellung von Hilfe nicht so einfach ist, wie Hilfsgüter zu liefern und dann wieder zu gehen. Es ist erforderlich, dass die Empfänger der Hilfe in deren bestmöglicher Verwendung geschult und bei der Entgegennahme der Hilfe unterstützt werden. Die Wirksamkeit der Hilfe wird ebenfalls bewertet, was einige Zeit in Anspruch nehmen kann.
6. Ist es sicher?

Die Sicherheit unseres Teams, unserer Freiwilligen, Partner und der Menschen, die wir unterstützen, hat immer oberste Priorität. Man könnte hoffen, dass humanitäre Hilfskräfte und Menschen in Not vor Gewalt sicher sind, doch leider ist dies nicht immer der Fall. Der Welt-Humanitätstag wurde ins Leben gerufen, um an humanitäre Hilfskräfte zu erinnern, die im Einsatz ums Leben gekommen sind.
Daher prüfen wir immer, ob es sicher ist, an einem bestimmten Ort Hilfe zu leisten. Die Hilfe in Konfliktsituationen ist mit Risiken verbunden. Deshalb arbeiten wir mit Partnern zusammen, um sicherere Wege zu finden, um Menschen zu unterstützen, die durch Konflikte vertrieben wurden. In Kamerun arbeiten wir beispielsweise im Minawao Lager und unterstützen Menschen, die vor der Gewalt von Boko Haram in Nigeria geflohen sind. Wir unterstützen auch Menschen im Tschad, die vor dem Konflikt im Sudan geflohen sind.
Auch nach Katastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen ist Sicherheit ein wichtiger Faktor. Katastrophen machen keine Unterscheidungen – sie können Orte treffen, die schon unter Gewalt und Unruhen leiden. Die jüngsten Überschwemmungen in Libyen sind ein Beispiel dafür. Seit dem Sturz von Oberst Gaddafi im Jahr 2011 befindet sich Libyen mit zwei rivalisierenden Regierungen in einer Krise. Es kam zu Gewalttaten zwischen Milizen. Daher war Sicherheit für uns ein wichtiger Faktor bei der Beurteilung der Lage vor Ort. Unser Partner ACTED ist bereits in Libyen tätig, unter anderem in der Stadt Derna. Daher verfügt er über Erfahrung im Umgang mit den schwierigen Bedingungen vor Ort.
Katastrophen können auch selbst gefährliche Bedingungen schaffen. Beschädigte und zerstörte Infrastruktur kann den Zugang zu den betroffenen Gebieten erschweren. Dies gilt insbesondere für abgelegene Gebiete. Einige der am stärksten vom Erdbeben in Marokko betroffenen Orte sind abgelegene Bergdörfer. Unser Team musste dies vor einem Besuch berücksichtigen und entsprechend planen.
7. Wie lange werden wir gebraucht werden?

Wenn wir über den Zeitrahmen für Katastrophen nachdenken, müssen wir berücksichtigen, wie lange eine Reaktion dauern könnte und ob der Bedarf an Notunterkünften mit der Zeit abnehmen könnte. Wir geben den Menschen Vorrang, die keine anderen Möglichkeiten für Notunterkünfte haben.
An manchen Orten sind wir nach einer Katastrophe oder während eines Konflikts für eine bestimmte Zeit tätig, solange Hilfe benötigt wird, während an anderen Orten die Hilfe möglicherweise dauerhaft ist. Wir haben im Dezember 2012 mit unseren Hilfsmaßnahmen in Syrien begonnen und sind dort bis heute im Einsatz.
Wenn wir entscheiden, ob wir auf eine Katastrophe reagieren können, müssen wir daher ganzheitlich überlegen, wie eine Hilfsmaßnahme in Bezug auf Hilfsgüter, Personal und Dauer aussehen könnte.
8. Ist die Finanzierung möglich?

Kurz gesagt – wir können keinen Einsatz in ein Gebiet planen, wenn wir nicht genügend finanzielle Mittel haben.
In einer idealen Welt hätten wir gerne unbegrenzte Ressourcen und Mittel, um überall und jederzeit Hilfe leisten zu können, wenn sie gebraucht wird, aber in der Realität ist dies nicht der Fall. Die Bereitstellung von Unterstützung kann kostspielig sein, daher müssen wir abschätzen, wie viel Geld zur Verfügung steht oder verfügbar werden könnte, um eine Hilfsmaßnahme zu unterstützen. Wir müssen auch prüfen, ob eine neue Hilfsmaßnahme Auswirkungen auf unsere bereits laufenden Projekte haben könnte. Daher ist es für uns sehr wichtig zu beurteilen, ob wir über die finanziellen Mittel verfügen, um so lange wie nötig angemessene Hilfe zu leisten.
Unsere Arbeit wird vollständig durch Spenden finanziert. Diese ermöglichen es uns, unsere Hilfsgüter nach einer Hilfsaktion wieder aufzufüllen und uns auf die nächste Katastrophe vorzubereiten – wo immer der Bedarf am größten ist. Regelmäßige monatliche Spenden helfen uns, unsere Hilfsgütervorräte aufrechtzuerhalten und bei Bedarf einsatzbereit zu sein. Wenn Sie uns gespendet haben, danken wir Ihnen, dass Sie unsere Arbeit ermöglichen.
Katastrophen hören nicht auf. Wir auch nicht. Aber wir brauchen Ihre Hilfe, um Menschen zu unterstützen, die nach einer Katastrophe oder einem Konflikt kein Dach mehr über dem Kopf haben.