Derzeit sind in Gaza etwa 1.9 Millionen Menschen auf der Flucht. Das entspricht 85% der Bevölkerung. Die Lage ist ernst, mit starker Überfüllung und der Verbreitung von Krankheiten. Der Zugang zu Nahrung, Wasser und Gesundheitsversorgung wird stark erschwert. Wir sind im Einsatz in Gaza, wo wir mit unserem neuen Partner MAP arbeiten. Dies ist nicht ShelterBox’ erster Einsatz in Gaza. Bereits in 2004, 2008 und 2015 waren wir dort im Einsatz.
Eine der Familien, die wir 2015 unterstützen konnten, war die von Mohammed Eid, auch Moh genannt. Als seine Familie wegen Luftangriffen von ihrem zu Hause flüchten mussten, lebte Moh eine Zeit lang in einem ShelterBox Zelt. Hier teilt er seine Erfahrungen.
“Wir haben es so geliebt”
Moh wurde in Saudi-Arabien geboren, sein Vater träumte jedoch davon, nach Gaza zurückzukehren, wo er aufgewachsen war, um dort ein zu Hause für seine Familie aufzubauen. Als Moh 6 Jahre alt war zog seine Familie nach Rafah in Gaza, wo sein Vater der Familie ein Haus gebaut hatte. Er erinnert sich gerne daran.
“Es war klein und gemütlich mit nur zwei Schlafzimmern, aber wir haben es so geliebt. Wir hatten ein Wohnzimmer, in dem wir jeden Abend Zeit miteinander verbracht haben. Wir würden uns immer versammeln zum Tee Trinken und Obst Essen, wie das in Mediterranen Kulturen Tradition hat. Manchmal hat meine Mutter uns auch einen Kuchen gebacken, den ich gerne in meinen süßen Tee getunkt habe – obwohl meine Mutter das nie mochte, hat sie mich das immer genießen lassen.”
Als im Jahr 2000 der Friedensprozess zusammenbrach, wurde Mohs Heimat ein Kriegsgebiet. Jede Nacht fuhren Panzer und Bulldozer ein und einige Häuser wurden abgerissen. Als eine Militäroperation in 2004 stattfand, erlebte die Familie eine Zeit großer Angst.
“Wir verbrachten die Nacht getrennt und wurden am nächsten Morgen wurden wir zusammengetrieben und durchsucht. Und nach Stunden voller Angst um unsere Leben durften wir gehen und außerhalb des Gebiets Schutz suchen. Die Operation lief zwei entsetzliche Wochen lang. Wir blieben in einer der örtlichen Schulen, die in eine Unterkunft für Geflüchtete umgewandelt worden war. Es war dort so überfüllt, dass wir im Endeffekt draußen in einem Zelt unterkommen mussten, schutzlos unter freiem Himmel. Es gab in Gaza keine Unterkunftsinfrastruktur oder temporäre Unterkünfte, weshalb mit dem Einsetzen einer solchen Krise die Straßen zu Schutzräumen wurden…”
“Monatelang zogen wir von einer Notunterkunft zur nächsten. Nach der Militäroperation haben wir mehrere Jahre lang verschiedene Wohnungen gemietet und sind oft umgezogen. Das war eine sehr schwierige Erfahrung, alles, was wir jemals besessen und aufgebaut hatten, zu verlieren.”
“Es fing alles wieder von vorne an”
Moh und seine Familie erhielten Unterstützung, um ein neues zu Hause aufzubauen. Vier Jahre, nachdem sie von ihrem ehemaligen Haus vertrieben wurden, konnten sie dort einziehen.
“Wir waren dankbar für das neue zu Hause, aber es fühlte sich nicht so gut an, wie das erste. Ich vermute, dass der Schmerz des Verlustes alles überschattete. Trotzdem fühlten wir uns sicherer und wieder zusammen.”
Für ihr neues zu Hause hatte sich die Familie einen Ort ausgesucht, der entfernt von Gazas Grenzen lag. Der Konflikt in Gaza entwickelte sich jedoch zu Luftangriffen. Die Familie befand sich abermals in Gefahr.
“Im Jahr 2014, während einem der vielen Konfliktrunden wurde unsere Nachbarschaft schwer bombardiert. Die Härte der Luftangriffe zwang uns damals dazu, unser zu Hause zu verlassen und wir kehrten nie zurück.”
“Es fing alles wieder von vorne an; wir hatten alles verloren und suchten in einer Schule, die zur Notunterkunft umgewandelt worden war, nach Schutz.”
“Wir fanden Frieden in Familie, Essen und Tradition”
Nachdem Mohs Familie zu zweiten Mal ihr zu Hause verloren hatte, erhielt sie ein ShelterBox Zelt.
“Ich fragte mich, wie weit dieses Zelt gereist haben müsste, um uns zu erreichen. Wir waren dankbar für dieses Zelt.”
Moh erinnert sich daran, wie wichtig es war, ein ShelterBox Zelt als Unterkunft zu haben. “Ein Zelt ermöglicht der Familie Privatsphäre, was in Nahen Osten von großer kultureller Bedeutung ist. Das Schlimmste, was Menschen passieren kann, ist ihnen diese Privatsphäre zu nehmen. Genau das bewirkt die Zerstörung eines Hauses; Personen verlieren ihre Würde bevor sie überhaupt ihr Leben verlieren und das ist die schlimmste Form der Bestrafung.”
Seine Familie arbeitete hart daran, ihr Zelt wie ein zu Hause fühlen zu lassen. “Meine Mutter würde uns etwas Tee kochen und eine Art Brot namens Mankosha backen… Der Duft des frisch gebackenen Mankosha mischte sich mit dem Geruch des Thymians und erfüllte das Zelt mit einem Gefühl der Wärme und Sicherheit. Wir fanden wir Frieden in Familie, Essen und Tradition in diesen Momenten; trotz der Unsicherheiten und Herausforderungen.”
In einem Zelt zu leben, war zeitweise herausfordernd, aber Moh war dankbar, dass seine Familie das Zelt hatte, als sie es brauchte.
“Ich bin für jede Zeit dankbar, in der wir eine temporäre Unterkunft oder ein Zelt hatten, auch wenn es alles andere als ideal ist und sehr herausfordernd sein kann… Zelte wurden zu einem wertvollen Gut. Zum Glück hatten wir ein Zelt, als wir es am nötigsten brauchten, direkt nach dem Verlust unseres Hauses. Es versorgte uns innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Flucht mit fast allem, was wir brauchten. Mit dem Zelt kamen Matratzen, Decken, ein Erste-Hilfe-Koffer und ein Essenspaket. ehrlich gesagt, war das einzige was wir unmittelbar brauchten, ein Schlafplatz.”
Später konnte die Familie aus dem Zelt in eine gemietete Unterkunft ziehen, was jedoch kein leichter Übergang war. “Wir zogen die ganze Zeit ein und aus. Manchmal würden wir tage-, wochen- oder monatelang in Zelten leben. Aber sobald wir ins Mietzuschussprogramm aufgenommen wurden, konnten wir das Zelt verlassen. Wenn man an einen Notfall oder eine Krise denkt, ist das absolut mit Chaos gleichgesetzt. Es gibt keine geschmeidigen Übergänge von Wohnlosigkeit zu Zeltunterkünften und dann zu dauerhaften Unterkünften. Alles steht einfach Kopf; Menschen ziehen permanent zwischen temporären Unterkünften und Zelten hin und her. Das liegt einfach in der Natur der Situation.”
“Die Ereignisse erinnerten mich an das generationenübergreifende Trauma, alles verloren zu haben, was wir einst besaßen”
Moh lebt derzeit in den USA, wo er 2017 hinreiste, nachdem er im Jahr 2017 die Rotary Peace Fellowship bekam. Jetzt arbeitet Moh für Rotary International als Programmleiter zur Unterstützung des Friedenszentrumsprogramms und der Friedensstipendiaten. Er verfolgt die jüngsten Ereignisse in Gaza mit Entsetzen.
“Die jüngsten Ereignisse in Palästina waren für mich und alle anderen zutiefst schockierend. Die Ereignisse erinnerten mich an das generationenübergreifende Trauma, alles verloren zu haben, was wir einst besaßen. Vom Verlust eines Menschenlebens zu hören, ist niemals etwas Normales und sollte es nie werden.”
Mohs Familie, die weiterhin in Gaza lebt, hat ihr Haus in einem Luftangriff verloren. “Das Haus meiner Familie in Gaza wurde am dritten Tag des Krieges zerstört. Der Luftangriff verursachte teilweise Zerstörung und mein Bruder wurde verletzt. Mit der Hilfe aus der Nachbarschaft und einigen Freiwilligen, konnte meine Familie das halb eingestürzte Haus verlassen. Mein Bruder wurde ins Krankenhaus eingeliefert, erhielt medizinische Unterstützung und überlebte zum Glück. Jetzt lebt meine Familie vorübergehend mit Verwandten im Rafah Camp, wo Hunderttausende Binnenflüchtlinge auch Zuflucht suchen.”
Wo möglich, hält Moh den Kontakt zu seiner Familie aufrecht. Durch sie erfährt er über die schreckliche Lage, mit der Menschen in Gaza konfrontiert sind. “Der Alptraum der Vertreibung und Wohnungslosigkeit verfolgt dort alle. Der schlimmste Teil daran, ist dass es derzeit keine Hilfsorganisationen gibt, die angemessen auf das Ausmaß der Krise reagieren können, und dass es keine Notunterkünfte gibt. Ein Haus zu verlieren bedeutet wortwörtlich, auf der Straße zu schlafen… Ich dachte niemals, dass ich eines Tages zurückdenken würde und merken, dass ich in der Zeit, in der ich in einem Zelt schlafen konnte, extrem privilegiert war und ein enormes Glück hatte. Und dass der Tag kommen würde, an dem ein Zelt so wertvoll und selten sein würde… Für manche mag ein Zelt wie ein einfacher Gegenstand erscheinen, für eine Familie, die dringend eine Unterkunft benötigt, hat es jedoch eine immense Bedeutung.”
Moh weiß nicht, was für seine Familie als nächstes kommt, aber er hofft, dass sie und alle anderen in Gaza Unterstützung und Unterschlupf bekommen. “Ich weiß, dass niemandem das grundlegendstes menschliches Bedürfnis vorenthalten werden sollte. Menschen brauchen in Notfällen Unterkünfte.”