Am Freitag, dem 8. September 2023, wurde Marokko von einem Erdbeben mit einer Stärke von 6,8 auf der Richterskala getroffen. Das Epizentrum lag 70 km südlich von Marrakesch im Atlasgebirge. Das Erdbeben forderte fast 3000 Todesopfer und beschädigte rund 50.000 Häuser. Am stärksten betroffen waren abgelegene Dörfer in den Bergen in der Nähe des Epizentrums.
ShelterBox war in Marokko in Einsatz und hat Tausende von Menschen im Atlasgebirge unterstützt. Wir haben Zelte, Thermodecken und Küchensets geliefert. Die Hilfe musste schnell verteilt werden, bevor der eisige Winter einsetzte. Unsere Hilfsmaßnahmen wurden durch die Zusammenarbeit mit Rotary in Marokko, Distrikt 9010, erheblich unterstützt.
Mohamed erzählte uns seine persönliche Tragödie und berichtete von seiner Führungsrolle in der Dorfgemeinschaft nach dem Erdbeben.
„Das Leben vor dem Erdbeben war normal“
Mohamed ist der Gemeindevorsteher eines kleinen Dorfes in der Region Al Haouz im Atlasgebirge in Marokko. Er arbeitete außerhalb seines Dorfes in einer örtlichen Entbindungsklinik als Wachmann.
Mohamed dachte über sein Leben vor dem Erdbeben nach. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, das Leben vor dem Erdbeben war normal, mein Vater war Bauer und ich habe ihm manchmal geholfen, aber meine Arbeit war in der Entbindungsklinik.“
Als Mohamed seine Familie beschrieb, sprach er auch über einige der Tragödien, die ihn durch das Erdbeben getroffen haben.
„Ich habe 2007 geheiratet, habe zwei Töchter und einen Sohn. Mein Sohn ist beim Erdbeben ums Leben gekommen, er war zweieinhalb Jahre alt. Meine Frau war Hausfrau [, sie kam ebenfalls beim Erdbeben ums Leben]. Ich war das Oberhaupt der Familie und habe mich um meine Familie und meine Eltern gekümmert.“
„Es wurde immer stärker, ich dachte, ein Flugzeug würde abstürzen.“
In der Nacht des Erdbebens arbeitete Mohamed in der Entbindungsklinik, einige Kilometer außerhalb des Dorfes. Er erinnert sich an den Moment, als das Erdbeben einsetzte.
„Ich wollte Tee kochen, entschied mich dann aber dagegen, ging vor das Gebäude, saß dort 15 Minuten lang und hörte dann die Stimme [das Geräusch des Erdbebens]. Es wurde immer stärker, ich dachte, ein Flugzeug würde abstürzen, wechselte meinen Platz und ging vier Meter weiter, dann spürte ich, wie der Boden bebte, wie Wellen, nach einer Weile verwandelte sich das in Vibrationen.“
Mohamed rannte zurück in die Entbindungsklinik, um den Vorsitzenden der Hausgemeinschaft zu suchen. Die Leute schrien, er sei tot. Dann erhielt Mohamed einen Anruf von seiner Tochter, die ihm mitteilte, dass ihr Haus eingestürzt sei. Die gesamte Familie außer Mohamed und seiner Tochter war darunter begraben. „In diesem Moment verlor ich den Verstand, ich wollte nur meine Familie sehen. Ich nahm mein Motorrad, um hierher zurückzufahren.“
Die Rückreise ins Dorf dauerte die ganze Nacht. Unterwegs traf Mohamed auf Menschen, die Hilfe brauchten, und auf Straßen, die durch Trümmer blockiert waren. Außerdem erlebte er Nachbeben.
Um 3 Uhr morgens erhielt er einen weiteren Anruf von seiner Tochter, die ihm mitteilte, dass seine andere Tochter und sein Vater in Sicherheit seien. Seine Frau und sein Sohn waren jedoch weiterhin unter den Trümmern begraben.
In den frühen Morgenstunden erreichte Mohamed schließlich ein Nachbardorf. An dieser Stelle waren die Straßen unpassierbar. Hier erhielt Mohamed auch die schlimmste Nachricht, die er sich vorstellen konnte.
„Ich traf dort einen Mann, den ich kannte, und er sagte mir, dass meine Frau, meine Schwester, mein Sohn, mein Neffe und mein Nachbar tot seien. Ich ging weiter und kam in meinem Dorf an. Dort fand ich einige von ihnen an einem Ort, und ich ging hinter mein Haus, um Decken zu holen, um sie zu bedecken.“
„ShelterBox hat uns vom ersten Tag an sehr geholfen …“
ShelterBox unterstützte Mohameds Dorf mit Zelten und Haushaltsgegenständen. Mohamed berichtete, welchen Unterschied dies für die Gemeinde bedeutete.
„ShelterBox hat uns vom ersten Tag an sehr geholfen, sie haben uns ein Versprechen gegeben und heute [bei der Verteilung] haben sie es wahr gemacht.“
„Die Zelte sind zu 100 % hilfreich, denn ohne sie haben wir keine Unterkunft. Wir haben bereits kein Haus mehr, und die Zelte, die wir haben, reichen nicht aus, um uns vor Schnee und Regen zu schützen. Ich habe das Video und die Bilder der ShelterBox-Zelte mit der Gemeinde geteilt. Sie waren glücklich und freuten sich auf den Tag, an dem wir sie erhalten würden.“
„Ehrlich gesagt habe ich am Tag nach dem Erdbeben über unsere Situation nachgedacht und darüber, was mit uns passieren würde. Nicht nur mit mir, sondern auch mit den Frauen, Kindern und alten Menschen. Wie würden sie ohne Häuser und Unterkünfte überleben? Wie würden sie draußen bleiben, wenn es regnet oder schneit? Aber jetzt geht es uns gut. Wir haben diese Zelte, wir haben viele Decken, die uns gute Menschen und Vereine geschenkt haben, also geht es uns allen gut, wir sind in Sicherheit.“
„Im Moment konzentriere ich mich auf das Dorf und seine Bedürfnisse…“
Unmittelbar nach dem Erdbeben widmete sich Mohamed ganz der Unterstützung seiner Community. Doch nachdem die Hilfsgüter verteilt waren, wurde ihm die Realität dessen, was geschehen war, bewusst.
„Seit dem Erdbeben sind 40 Tage vergangen, das Leben schien normal, ich war damit beschäftigt, meiner Community zu helfen. Aber dann, nachdem alle eine Unterkunft bekommen hatten und sich an das Leben in den Zelten gewöhnt hatten, begann ich mich einsam zu fühlen und darüber nachzudenken, wie viel ich in dieser Nacht verloren hatte.“
Trotz allem plant Mohamed, seine Community weiterhin zu unterstützen.
„Im Moment konzentriere ich mich auf das Dorf und seine Bedürfnisse, denn derjenige, für den ich hart gearbeitet und auf eine gute Zukunft gehofft habe, ist jetzt tot“, sagte er und bezog sich dabei auf seinen Sohn.
„Ich werde meiner Community zur Seite stehen und ihnen helfen, wo immer ich kann.“
„Die Menschen hier machen sich Gedanken darüber, wie sie ihr Leben außerhalb ihrer Häuser erleichtern können. Derzeit haben sie alle Zelte und haben begonnen, Toiletten und Küchen zu bauen. Sie versuchen, diesen Ort zu ihrem Zuhause zu machen. Sie hoffen, wieder ihrer Arbeit in der Landwirtschaft nachgehen zu können, aber das ist derzeit nicht möglich. Ich warte nur darauf, dass die Entbindungsklinik wieder ihren Betrieb aufnimmt, um dort als Sicherheitsmann zu arbeiten.“
Trotz allem, was geschehen ist, bedankte sich Mohamed abschließend bei ShelterBox für ihre Hilfe.
„Alles, was geschieht, ist Schicksal, das wir nicht ändern können, also akzeptieren wir es, und ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Hilfe.“