Mit ihrem Baby im Arm floh die 29-jährige Kaltoumi 2014 nach Kamerun, nachdem die extremistische Gruppe Boko Haram wiederholt Angriffe auf ihr Dorf im Bundesstaat Borno in Nigeria verübt hatte.
Sie hat im Minawao-Lager zusammen mit Zehntausenden anderen Geflüchteten ein neues Zuhause gefunden. Wir haben Kaltoumi über einen Zeitraum von sechs Monaten mehrmals besucht, um ihre Geschichte zu hören.

Das Leben vor dem Lager Minawao
Kaltoumi stammt ursprünglich aus einem Dorf im Südosten Nigerias, im Bundesstaat Borno. Sie ist in Nigeria geboren, aufgewachsen und hat dort geheiratet. Nie hätte sie daran gedacht, ihr friedliches Zuhause zu verlassen, um sich woanders niederzulassen.
Als Klatoumi mit 18 Jahren heiratete, hatte sie ihre Zukunft längst geplant. Nach der Hochzeit baute Kaltoumis Ehemann ein bescheidenes Haus für die junge Familie. „Damals waren wir nur zu dritt, also hatten wir ein riesiges Haus für uns allein“, erzählt Kaltoumi. „Wir haben uns in diesem Haus sehr wohl gefühlt.“
Sie verbrachte ihren Alltag damit, mit ihrem Mann auf die Felder zu gehen, sich um ihr Baby zu kümmern und Hüte zu flechten. Sie hoffte, ihre Familie zu vergrößern und ihre Kinder zur Schule zu schicken, damit sie eine erfüllte und hoffnungsvolle Zukunft haben würden.
Kaltoumi hegt diese Träume weiterhin, obwohl das Leben ihr Herausforderungen beschert hat, die sie sich nie hätte vorstellen können.
Vor drei Jahren ging Kaltoumi wie gewohnt ihren Tätigkeiten nach, während ihre älteren Töchter ihr bei der Hausarbeit halfen. Alles schien normal, bis ein schriller Schrei sie alle erschreckte. Kaltoumi sprang auf, um zu sehen, was los war. Das Feld war vollständig von bewaffneten Männern umzingelt.

Angriff von Boko Haram
Kaltoumis Dorf war seit Langem von zahlreichen Angriffen heimgesucht worden. Im Jahr 2014 griff Boko Haram häufig Menschen im Bundesstaat Borno an.
„Wir lebten alle in ständiger Angst“, erzählte Kaltoumi. Sie erinnert sich daran, wie sie eine Explosion hörte und Menschen in alle Richtungen rennen sah, während ihr Mann sie aufforderte, alles zusammenzusuchen, was sie konnte, und mit den anderen Dorfbewohner:innen zu fliehen.
„Zusammen mit anderen Frauen bildeten wir dann einige kleine Gruppen, um zu fliehen: Frauen, Kinder und ältere Menschen auf der einen Seite, einige Männer auf der anderen. Die Männer hatten noch weniger Glück als wir; sie konnten zwar Widerstand leisten, wurden aber höchstwahrscheinlich getötet. Da begannen wir unsere Reise ins Unbekannte. Wir hatten nicht vor, nach Kamerun zu gehen und uns dort niederzulassen, aber Gott hat uns schließlich dorthin geführt.“
Ankunft im Minawao-Lager
Vor acht Jahren kam Kaltoumi ohne einen Cent in der Tasche und mit einem Säugling im Arm in Kamerun an. Glücklicherweise konnte sie wenige Wochen später mit ihrem Mann wieder vereint werden, der den brutalen Angriff überlebt hatte.
Das Lager unterschied sich sehr von ihrem Zuhause, und Kaltoumi wurde schnell mit der harten Realität konfrontiert, in der sie sich befand.
Die ersten Monate in einem Geflüchtetenlager erinnern die Menschen immer wieder daran, was sie verloren haben, was sie möglicherweise nie wieder zurückerlangen und welche Herausforderungen sie noch meistern müssen. Für viele besteht die größte Schwierigkeit darin, ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen, da die meisten keine Einkommensquelle besitzen.
„Die auffälligste Tatsache, die mir bei meiner Ankunft in diesem Lager ernsthaft zu schaffen machte, war meine Abhängigkeit von anderen, vor allem von NGOs.“
Seit ihrer Ankunft im Lager hat Kaltoumi verstanden, dass ihr Leben nun in Minawao ist. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, weit weg von Nigeria, weit weg von ihren Wurzeln.
Ihre Familie ist um drei weitere Kinder gewachsen. Sie fühlt sich nun in das Leben im Lager integriert, hat ihr Zuhause so eingerichtet, als wäre sie noch in ihrem Dorf, und einen neuen Alltag geschaffen. Kaltoumi pachtet auch ein Stück Land, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Sie baut Gemüse und Erdnüsse an, die sie essen oder verkaufen kann, wenn ihnen das Geld ausgeht.
Kaltoumi erzählt, dass sie gelernt hat, jede Gelegenheit zu nutzen, um ihr Leben zu genießen und ihr Zuhause schön zu gestalten.
„Ich schätze jeden einzelnen Moment, den ich mit meinen Freunden in einer freundlichen und sicheren Atmosphäre verbringe. Seit ich hier lebe, habe ich noch keinen Moment der Unsicherheit erlebt.“

Umgang mit Nahrungsmittelknappheit
Eine Herausforderung bei der Ankunft im Lager war der Umgang mit Nahrungsmittelknappheit. Kaltoumis Familie erhielt zwar Lebensmittelrationen, doch diese reichten nicht aus.
Da Kaltoumi und ihr Mann unternehmerisch denken, überlegten sie sich Möglichkeiten, ihr Einkommen zu verbessern. Mit ihren Ersparnissen kauften sie ein Schaf, das sie aufziehen und später weiterverkaufen wollen.
„Die Viehzucht war schon immer meine größte Leidenschaft. Ich wollte schon immer mein eigenes Vieh haben. Es lässt sich leicht weiterverkaufen und sorgt für konstante Ersparnisse. Ich habe gespart und wir konnten ein Schaf kaufen. Sobald es ausgewachsen ist, werde ich es weiterverkaufen. Es war eine große Freude für mich, es zu erwerben, ich habe mir damit einen Traum erfüllt.“
Umgang mit extremen Wetterbedingungen
In den acht Jahren, die Kaltoumi im Lager lebt, hat sie viele Umweltveränderungen miterlebt. Als sie ankam, war das Lager grün und voller Bäume, doch heute ist es aufgrund der Abholzung trocken und karg.
Jedes Jahr leiden die Bewohner:innen unter der intensiven Hitze und der extremen Kälte am frühen Morgen.
Die Dürre ist für die Bewohner:innen des Lagers ein großes Problem, und es kann sehr schwierig sein, sich an die sehr hohen Temperaturen anzupassen. Kaltoumis Kinder sind aufgrund der starken Hitze schon mehrmals erkrankt, insbesondere wenn es an Wasser mangelt. Ihre Kinder leiden oft unter Dehydrierung, Fieber oder Malaria.
Erschwerend kommt hinzu, dass Dürren die landwirtschaftliche Produktion beeinträchtigen und zu Hungersnöten führen.
In der Regenzeit werden regelmäßig Unterkünfte und Straßen im Lager durch Überschwemmungen beschädigt, und Menschen sind in den Fluten bereits ertrunken.
Kaltoumi erklärt: „Meiner Meinung nach lässt sich der Klimawandel am besten durch Wiederaufforstung abfedern, und darüber denken wir gerade nach. Ich glaube, dass Minawao in zwei Jahren eine beeindruckende Flora haben wird. Die Gemeinde hat auch darüber nachgedacht, Bohrlöcher zu bauen, die mit Solarstrom betrieben werden, und ein formelles Verbot für das Fällen von Bäumen in Minawao und Umgebung zu erlassen.“

Gemeinschaftsgefühl
Eine der Besonderheiten von Minawao ist, dass es Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenbringt, um Bindungen der Solidarität, Gastfreundschaft und des Teilens zu stärken. Zwischen den Menschen entstehen Bindungen, die so stark sind wie die einer Familie.
Die Nachbarschaft und die Gemeinschaft werden oft aufgefordert, Gemeinschaftsaktionen zu unterstützen, wie den Bau von Unterkünften und die Entwicklung von Grundversorgungsgütern wie Wasserstellen und Toiletten.
Kaltoumi verbindet eine enge Freundschaft mit zwei jungen Hausfrauen, die etwa zur gleichen Zeit wie sie im Lager angekommen sind. Sie teilten die gleichen Schwierigkeiten und schlossen eine Freundschaft, die von Vertrauen und gegenseitiger Hilfe geprägt ist.
Alle Bewohner:innen von Minawao haben eines gemeinsam: Sie sind Überlebende. Solidarität ist nach wie vor der Kitt des Gemeinschaftslebens im Lager.

Unterstützung durch ShelterBox
„Als ich im Minawao-Lager ankam, waren die ersten Hilfsgüter, die ich erhielt, von ShelterBox. Ich bekam ein Zelt, das später beschädigt wurde, woraufhin mir ein zweites zur Verfügung gestellt wurde.“
„Außerdem habe ich Haushaltsgegenstände, ein Seil und eine Plane erhalten. Diese Hilfsgüter waren für mich unverzichtbar, um meine Selbstständigkeit wiederzuerlangen und wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe mehr als ein Jahr lang in dem Zelt gelebt. Die Haushaltsgegenstände habe ich lange Zeit benutzt.“
Nachdem sie ein Zelt erhalten hatte, konnte Kaltoumi aus dem Transitzentrum ausziehen, einem Gemeinschaftsbereich, in dem die Menschen lebten, bevor sie in das Lager umgesiedelt wurden. Kaltoumi fühlte sich unterstützt und von ihrer Angst befreit.
Sie nahm ihr Zelt als ihr neues Zuhause an. Ein Zuhause, in dem sie sich, wie sie uns erzählt, vor extremen Wetterbedingungen, Insekten, Skorpionen und Schlangen sicher fühlte.

Ein Zuhause für ihre Familie bauen
Seit Anfang 2022 besitzt Kaltoumi ein Haus aus Ziegelsteinen, das von einem Team von Arbeitern und ihrem Ehemann gebaut wurde. Ihr Zuhause ist ihre größte Errungenschaft im Lager und sie ist sehr stolz darauf, davon zu erzählen.
Mit der von ShelterBox bereitgestellten Plane haben sie ein Dach für ihr Haus gebaut. „Dieses Haus ist mein Zufluchtsort bei schlechtem Wetter, ich fühle mich sicher und bin sehr stolz darauf.“
Alle, die eine halbwegs dauerhafte Unterkunft heben, haben das Ziel, diese mit einer Plane abzudecken und diese Plane schließlich durch Metallbleche zu ersetzen, die eine viel längere Lebensdauer haben und während der Regenzeit Schutz bieten.
Das ist das aktuelle Projekt, das Kaltoumi für ihr Zuhause verwirklichen möchte.

Erinnerungen an die Heimat
„Ich erinnere mich, dass mein Leben zu Hause schön war; ich ging nie mit leerem Magen schlafen, besuchte regelmäßig meine Eltern und hatte viele Freunde. Ich baute meine eigenen Lebensmittel an, die ich gegen etwas Geld weiterverkaufen konnte; ich konnte fischen gehen und Fisch essen, wann immer ich wollte. Ich hatte alles, um glücklich zu sein.
Was ich an meinem alten Leben am meisten schätzte, war wahrscheinlich mein Geschäft und meine hübschen traditionellen Kleider. Das alles scheint jetzt so weit weg zu sein.
Ich habe schon das Gefühl, mein ganzes Leben hier verbracht zu haben, denn fünf meiner Kinder sind in Kamerun geboren und haben daher die kamerunische Staatsangehörigkeit. Ich weiß nicht, ob ich jemals nach Nigeria zurückkehren werde; das wäre wieder ein Neuanfang, und ich bin nicht bereit, diese Erfahrung zu wiederholen.“
Blick in die Zukunft
Trotz der vielen Herausforderungen bleiben Kaltoumi und ihre Familie positiv. Heute ist sie Mutter von sechs Kindern, die gerne zur Schule gehen, gesund sind und ein sicheres Zuhause haben.
Sie haben ein Stück Land erworben, auf dem sie Getreide anbauen, und planen, ihr Geschäft auszubauen.
Kaltoumi möchte mit dem Verkauf von Seife, Salz, Gewürzen und anderen hochwertigen Produkten kommerzielle Aktivitäten aufnehmen und zugleich ihre bisherigen Tätigkeiten in der Viehzucht und Landwirtschaft fortführen. Sie stellt sich vor, in einem Jahr hinter der Theke ihres Geschäfts zu stehen und ihre Waren zu verkaufen.
Ihre Familie hat nach acht Jahren Frieden und Sicherheit im Lager gefunden, und sie kann sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben.
Kaltoumi sieht eine glänzende Zukunft für ihre Kinder: „Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um meine Kinder auf die weiterführende Schule zu schicken. Mit ihren Abschlüssen werden sie eine gute Arbeit finden und ein erfülltes Leben führen können.“
Kaltoumi beendet das Interview mit den Worten: „Ich kann alle bei ShelterBox nur zu ihrer bewundernswerten Arbeit ermutigen. Dank ihrer Freundlichkeit habe ich ein respektables Leben geführt, und dafür bin ich zutiefst dankbar.“