Dienstag 11 Januar 2011
HAITI - Eine logistische Herausforderung

Nach dem Erdbeben von Haiti im Januar 2010, organisierte ShelterBox-Einsatzleiter John Leach den Hilfstransport der grünen Überlebenskisten - zunächst aus der ShelterBox Zentrale in Helston (UK) und später direkt aus Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis.
Leach berichtet von seinen Erfahrungen und den Herausforderungen die der Einsatz nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti mit sich gebracht hat:
„Der Einsatz von ShelterBox nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti hat die Organistaion vor viele bisher unbekannte logistische und operative Herausforderungen gestellt. Jede Hilfsorganisation die Hilfsgüter nach Haiti, eine in eine der am stärksten zerstörten Katastrophenregionen die die Welt je gesehen hat, bringen wollte, hatte mit diesen unglaublichen Mengen zu kämpfen.
Unmittelbar nach dem Erdbeben in Haiti erreichte mich die schreckliche Nachricht. Die Ernsthaftigkeit der Lage wurde mir innerhalb der ersten zwei Minuten nach Eintreffen der Meldung bewusst. Es war klar, dass wir schnell reagieren würden. Ich wusste, dass wir in den USA zahlreiche ShelterBox Katastrophenhelfer, Mitglieder der ShelterBox Response Teams (SRT), hatten, die bereit waren, sofort dorthin zu reisen. Während es in Europa schon später Abend war, als das Erdbeben Haiti erschütterte, war es in den USA noch mitten am Tag. Es war also noch ausreichend Zeit für die Amerikaner, Flüge nach Haiti zu organisieren. Innerhalb weniger Stunden landeten die ersten SRT-Mitglieder in Port-au-Prince.Die nächste Frage, die wir uns stellen mussten, war: Was brauchen die Menschen dort am dringendesten und wie bekommen wir die Hilfsgüter auf dem schnellsten Weg in das Land? Es macht ja keinen Sinn, Katstrophenhelfer nach Haiti zu fliegen, um dann festzustellen, dass wir keine Hilfsgüter einfliegen können.
ShelterBox unterhält weltweit mehrere Zwischenlager um im Notfall binnen Stunden handeln zu können. Das kam und hier zugute. Als sich das Erbeben ereignete, hatten wir Hilfsgüter in El Salvador und Curacao vorgelagert, die wir direkt nach Haiti fliegen konnten. Zudem packten die freiwilligen Helfer in der Zentrale von ShelterBox bereits die nächsten Kisten. Es war klar, dass dieser Einsatz eine logistische Herausforderung werden würde. Das erste SRT bekam also den Auftrag: Findet heraus, wie wir die Boxen nach Haiti bekommen.
Das ShelterBox Response Team was derzeit in Port-au-Prince gelandet war, bereitete uns darauf vor, dass es sehr schwer werden würde. Die ganze Welt hat versuchte Hilfsgüter nach Port-au-Prince zu bringen, was wiederum seine eigenen Problemen mit sich brachte. Der Luftraum und die Flughäfen im Land, aber auch die Seehäfen waren vollkommen überlastet. Uns war bewusst: Wenn wir eine Landeerlaubnis für Port-au-Prince oder einen anderen funktionstüchtigen Flughafen erhalten hätten, hätten wir einer anderen Organisation die Einreise verweigert. Und unter keinen Umständen wollten wir die Einfuhr von medizinischer Hilfe oder Such- und Rettungstrupps blockieren.

Manchmal macht es Sinn in kleinen Schritten zu agieren. So haben wir begonnen, die Überlebenskisten durch die Dominikanische Republik zu transportieren. Dieser Plan hat außerordentlich gut funktioniert. Der Flughafen in Santa Domingo ist in sehr gutem Zustand und dieser Umweg hat uns lediglich 12 Stunden mehr Zeit gekostet. So konnten wir verhindern, den sehr begrenzten Flugverkehr nach Haiti. Wir können uns glücklich schätzen, dass unsere SRT so gut ausgebildet sind und ihre Freizeit dafür opfern, Menschen in Not schnell und effektiv zu helfen – egal, was sie dafür tun müssen. Als haben wir ein weiteres Team nach Miami, Florida geschickt im dort ein Logistik-Drehkreuz aufzubauen. So viel näher an der Katastrophenregion war es leichter, einen Weg nach Haiti zu finden.
Ich bin in einem Frachtflugzeug von London Heathrow nach Haiti geflogen. Es hat rund vier Tage gedauert bis ich schließlich mein Ziel erreicht hatte. Aber die Leute waren überall so unglaublich hilfsbereit. Als wir in den USA wegen eines Triebwerkschadens zwischenlanden mussten, unterstützten uns die US-Behörden wo sie nur konnten, damit wir schnellstmöglich weiterreisen konnten. Auf das Chaos was mich dann in Port-au-Prince erwartete, war ich vorbereitet. Mir war sehr bewusst, in was für eine überwältigende und unfassbare Situation ich da hineinkam und versuchte, das Ausmaß der Katastrophe irgendwie zu begreifen.
Das US-Militär wurde konstant von allen Seiten – seien es Hilfsorganisationen, Regierungen etc. – beobachtet. Ich selbst habe einen militärischen Hintergrund und so gelang es, schnell die richtigen Ansprechpartner auszumachen und ihnen zu erklären, was wir taten und was wir dafür brauchten; sie haben sich fast überschlagen um uns zu helfen. Viele kleine Probleme haben sie für uns gelöst - wie zum Beispiel Stauraum für die Überlebenskisten zu finden, Frachtflüge in der Nacht zu organisieren und die Überlebenskisten von einem Ort zum anderen zu transportieren. Neben den kleinen Problemen, konnten sie uns auch bei größeren Herausforderungen stets unterstützen. So haben sie uns geholfen, die Sicherheitslage im Land zu überblicken und einzuschätzen lernen, die schnelle und effektive Verteilung der Überlebenskisten sicherzustellen, die Arbeit mit anderen Hilfsorganisationen zu koordinieren und uns bei Verteilungen in Gebieten zur Seite zu stehen, in denen wir etwas mehr als Nervös wurden. (Anm. d. Red.: Das ZDF berichtete über einen brutalen Eingriff der haitianischen Polizei während ShelterBox Überlebenskisten an Betroffene verteilte.)

Welches Ausmaß unser Hilfseinsatz in Haiti erreichen würde, war uns allen währenddessen nicht klar, gewscheige denn vorher einzuplanen. Unsere SRT in Haiti und in den umliegenden Ländern haben durch ihre Initiative großartige Arbeit geleistet. Wir haben versucht, ihnen was wir in den vergangenen zehn Jahren Katastrophenhilfe gelernt haben, mit auf den Weg zu geben. Aber das wichtigste was wir ihnen beibringen, ist ihren Verstand und ihre Kreativität zu nutzen. Denn wenn Du dort draußen im Einsatz bist, kann Dir keiner helfen. Die SRTs mussten mit vielen Herausforderungen umgehen und viele Probleme eigenständig lösen. Denn natürlich war es unmöglich vorherzusehen, wie die Situation in Haiti sein würde und wie wir am besten darauf reagieren. Sie haben großartige Arbeit geleistet!
Ohne die riesige Hilfe von Freiwilligen, Spendern und Unterstützern weltweit hätten wir niemals in solch einem Ausmaß auf die Katastrophe reagieren können. Noch immer sind wir in Haiti im Einsatz, denn die akute Notsituation vieler Haitianer scheint auch heute, ein Jahr nach dem Erdbeben, noch nicht überwunden zu sein. Menschen leben immer noch in Zelten und unter Plastikplanen. Trotz der weiterhin desolaten Lage im Land war das Ausmaß der Katastrophenhilfe auf Haiti unglaublich. Ich denke, wir konnten alle viel daraus lernen. Wir haben es nicht nur geschafft, direkt Hilfe an die Betroffenen zu verteilen, obwohl die Situation im Land so schwierig und gefährlich war. Auch haben wir viel über die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen gelernt. Unsere Katstrophenhelfer, die vor Ort auf Haiti tätig waren, haben nun wirklich verstanden, was ein großflächiger Einsatz bedeutet und was es heißt, stressige und scheinbar unmögliche Situationen zu lösen.
Von dem Standpunkt der Einsatzleitung aus betrachtet, hat uns Haiti viel über unsere Arbeit gelehrt und unsere Katastrophenhilfe optimiert. Durch unsere Erfahrungen werden wir in Zukunft noch mehr Menschen schnell und effektiv helfen können.“
Wenn Sie sich das ganze Interview (englisch) anhören möchten, klicken Sie bitte hier.

